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Sagen und Geschichten rund um die Seide...
Der Seidenwurm
Ein Mann, der eine Frau und eine Tochter hatte, wurde an die chinesische Grenze beordert, um fern von seinem Heimatort Kriegsdienst zu leisten. Der Mann war sehr unglücklich, seine Familie verlassen zu müssen. Seine Frau und seine Tochter bemühten sich, ihr gewohntes Leben weiterzuleben. Aber sie waren natürlich einsam ohne den Vater.
Das junge Mädchen fand ein wenig Trost darin, die Pflege des Pferdes, das die Familie besaß, zu übernehmen. Sie bürstete es und fütterte es jeden Tag und achtete darauf, dass es ihm gut ging. Dabei dachte sie an den Va- ter. Eines Tages, als sie gerade im Stall das Pferd bürstete, sagte sie sehnsuchtsvoll:
Wenn du doch nur an die Grenze galoppieren und meinen Vater aus dem Krieg nach Hause bringen könntest! Wenn irgendeiner das tun könnte, würde ich ihn gern heiraten und ihm eine gute Frau sein. Sogar wenn du das wärst.
Als das Pferd diese Worte hörte, wieherte es, stellte sich auf seine Hinterbeine und zerriss das Seil, mit dem es im Stall festgebunden war. Noch ehe das junge Mädchen irgend etwas tun konnte, galoppierte das Pferd in den Hof hinaus und war auf und davon. Es rannte in Richtung der chinesischen Grenze, und nach wenigen Tagen war es ihm gelungen, den Vater zu finden. Der war erstaunt sein Pferd zu sehen und hoffte, dass es eine Nach- richt von seiner Familie brächte. Als er aber keine Botschaft fand, war er sehr beunruhigt und befürchtete, sei- ner Familie sei während seiner Abwesenheit etwas zugestossen.
Das Pferd schien ihn aufzufordern, auf ihm zu reiten; so sprang er auf. Das Pferd ging den Wachen vorsichtig aus dem Wege, dann galoppierte es heimwärts. Seine Frau und seine Tochter waren überglücklich, ihn wieder bei sich zu Hause zu haben. Er wunderte sich sehr, dass mit seinen Angehörigen alles in Ordnung war. Das einzige war, dass sie ihn furchtbar vermisst hatten. Schliesslich dachte er, das Pferd sei so klug, dass es gesehen hatte, wie verzweifelt seine Herrin war. Als Zeichen seiner Dankbarkeit gab er dem Pferd das beste Heu und den besten Hafer und tat alles, um ihm sein Leben angenehm zu machen.
Das Pferd jedoch weigerte sich zu fressen, blieb in einer Ecke des Stalls und sah ganz unglücklich aus. Nur wenn die Tochter in die Nähe kam, wurde es lebendig, wieherte, bäumte sich auf und wurde so wild dass man es kaum unter Kontrolle halten konnte. Das Mädchen vermied es, in den Stall zu gehen und sah ganz schuld- bewusst aus. Der Vater sah es und war äusserst beunruhigt. Eines Tages nahm er seine Tochter beiseite und fragte sie, ob sie das seltsame Verhalten des Pferdes erklären könne. Erst sagte sie nein, aber zuletzt gab sie zu, dass sie versprochen hatte, das Pferd zu heira- ten, falls es den Vater aus dem Krieg zurückbrächte. Als der Vater das hörte, wurde er sehr zornig und redete in rauhem Ton mit ihr:
Es war schamlos von dir, daran auch nur zu denken! Von jetzt an verbiete ich dir, das Haus zu verlassen!
Obgleich der Mann sehr an seinem Pferd hing, meinte er, er dürfe es nicht zulassen, daß es seine Tochter heiratete. Doch obwohl das Mädchen im Hause blieb, verhielt sich das Pferd weiterhin so seltsam. Letzten Endes konnte es der Mann nicht mehr ertragen, und er nahm Pfeil und Bogen, ging in den Stall und erschoss das Pferd. Er glaubte, damit sei das Problem gelöst. Er nahm das Pferdefell, legte es im Hof in die Sonne und dachte nicht weiter darüber nach. Seine Tochter war erleichtert, als sie hörte, das Pferd sei tot, und sie lief glücklich in den sonnigen Hof hinaus. Als sie an dem Pferdefell vorbeikam, erhob sich plötzlich ein starker Windstoss und umhüllte das Mädchen mit dem Pferdefell. Wie ein Wirbelwind blies der Wind das Mädchen aus dem Hof und trug es weit fort in die Wildnis.
Die Eltern des Mädchens waren zu Tode erschrocken, als sie das sahen, und rannten hinter dem Wirbelwind her. Der Mann verfolgte den Wind tagelang durch die Wildnis. Allmählich schien der Wind schwächer zu wer- den, bis er sich ganz legte. In einem Maulbeerbaum kam er zur Ruhe, und der Vater rannte sofort auf ihn zu, von seiner Tochter aber war nichts zu sehen. Erst als er den Baum absuchte, fand er einen kleinen Wurm, der an einem Maulbeerblatt entlang kroch. Und er erkannte, dass dies alles war, was von seiner Tochter übrig geblie- ben war.
Traurig nahm er den Wurm mit nach Hause und fütterte ihn mit Maulbeerblättern. Im Laufe der Zeit entdeckte er, dass der Wurm einen feinen, festen Faden spann. Der Wurm vermehrte sich, und als es mehr solcher Würmer gab, konnten er und seine Frau diese feinen Fäden zu einem herrlichen Tuch verweben. Der Stoff war weich und wunderschön anzufassen, und alle nannten ihn Seide. Allmählich gab es immer mehr von diesen Würmern. Bald stellten die Chinesen grosse Mengen von Seide her und wurden schliesslich berühmt dafür. Viele Jahr- hunderte lang verehrten die Seidenspinner das Seidenwurmmädchen, das den Menschen diese Gabe gebracht hatte.
Geschichte der Seidenschmugglerin - oder wie die Welt von der Seide erfuhr...
Schon lange bevor Marcus Crassus davon träumte, den Spuren Alexanders des Großen zu folgen - also lange bevor Alexander selbst geboren wurde - über vierhundert Jahre vor der Sintflut, erfand Leitsu, die Gemahlin des legendären chinesischen Kaisers Huangdi, die Kunst der Verarbeitung des Seidenfadens, des Webens und des Stickens. Die Legende berichtet, daß ebenfalls in der Regierungszeit Huangdis ein Beamter die Kunst des Schreibens erfand, in dem er Pinsel und Bambustäfelchen verwendete, und von Huangdi selbst wird gesagt, er habe den ersten Opfertempel errichtet und sich als erster um einen Kalender bemüht...
Einst bat der König von Khotan den chinesischen Kaiser, ihm das Geheimnis der Seidenraupenzucht preiszu- geben. Doch statt dessen erteilte der Kaiser seinen Untertanen das Verbot, keine Maulbeersamen und Seiden- raupen über die Grenzen seines Reiches hinauszulassen. Aber der König von Khotan gab sein Vorhaben nicht auf und sandte eine Nachricht an den Kaiser, er möge ihm eine chinesische Prinzessin aus dem Kaiserhaus zur Ehefrau geben.
>So wurde ich dazu bestimmt, die Frau des Königs von Khotan zu werden. Der König ließ mir, seiner Auserwähl- ten, ausrichten, daß es in seinem Lande weder Seide noch Kleider aus diesem luftigen Material gebe. Als ich diese Nachricht vernahm, ließ ich mir Maulbeersamen und Seidenraupen bringen und versteckte sie in meinen Haaren. Dann begab ich mich auf die Reise. Obwohl mein Gepäck an der Grenze kontrolliert wurde, blieb den Augen der Wächter das Versteck in meiner aufgetürmten und reich geschmückten Frisur verborgen. Es gelang mir, die Seidenraupen unbemerkt in meine Heimat einzuschmuggeln. Auf diese Weise brachte ich das jahrhun- dertelang gegenüber dem Westen streng gehütete Geheimnis der Seidenraupenzucht nach Khotan. Dort gedie- hen die Maulbeerbäume prächtig und bildeten die Grundlage für die eigene Seidenproduktion. Als Buddistin verbat ich das Töten der eingepuppten Seidenraupen wie dies in China üblich war. Auf mein Verlangen hin ließ man die Falter ausschlüpfen, und erst dann wurde das zerrissene Gespinst verarbeitet.<
Das Monopol der chinesischen Seidenherstellung, dem damals wichtigsten Handelsgut der Seidenstraße, war ein für allemal gebrochen.
Seide - ist (und bleibt) der Inbegriff von Luxus...
Ihm war, als hielte er das Nichts in Händen - so läßt der italienische Romancier Alessandro Baricco seinen Hel- den Herve Joncour empfinden, als dieser mit dem Stoff in Berührung kommt, der ihm zum Schicksal wird: Seide. Schon der Name klingt in allen Weltsprachen verführerisch: silk, soie, seta läßt heute wie vor 2000 Jahren an Luxus denken, an die vornehmste aller Textilien, >> leicht wie eine Wolke, durchsichtig wie Eis <<, fest, kühlend und wärmend zugleich, verhüllend und doch offenbarend.
Die Herstellung von Seide war eines der bestgehüteten Industriegeheimnisse aller Zeiten. Ihr Ursprung verliert sich im Dunkel von Mythen und Legenden. Göttlicher Charakter wurde der Seide zugeschrieben; stets galt sie als fürstlicher, Königen und Kaisern zugehöriger Stoff. Wer genau festlegen will, was Seide ist, verfällt leicht ins Raunen. > Seide heißt das eigentümliche Gespinst der Seidenraupe, welches sie bereitet, um sich darin zu ver- puppen <, definiert das Lexikon für die gebildeten Stände um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Seide ist eben wie nichts, und nichts ist wie Seide. Die Erklärung des Begriffs fällt ebenfalls ins Exotisch-Geheimnisvolle.
Der Begriff > Seide < leitet sich vermutlich ab vom lateinischen saeta serica, serisches Haar. Seres, - Serer nannten Griechen und Römer die mutmasslichen Erzeuger jenes eigentümlichen Gespinstes, von dem das Abendland nicht wusste, woher es genau stammte und vor allem, wie es genau hergestellt wurde. So bezeich- nete man das Volk, dem man die Erfindung der Seide zuschrieb, einfach insgesamt als das seidenerzeugende Volk. In der Tat läßt sich der Name > ser < auf das chinesische > si < für Seide zurückführen. Die Serer, waren, wie sich später herausstellte, die Chinesen.
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